Die Blätter fallen...

Gedanken zum Herbst
Liebe Leserin, lieber Leser

An einem wunderschönen "goldenen" Herbsttag zog es mich, vor zwei Jahren, nach Raron im Kanton Wallis. Schon von Weitem sieht man über dem Rhonetal die Burg, das Wahrzeichen von Raron. Aber dieses bedeutende Baudenkmal war nicht der einzige Grund, weshalb es mich nach Raron zog. Denn neben der Burg gibt es auch die einzigartige Felsenkirche St Michael und die Burgkirche St. Romanus zu besichtigen. Beide Kirchen sind eindrücklich und sehr sehenswert.

Nach der Besichtigung der Burgkirche stand ich dann vor dem eigentlichen Grund meines Besuches in Raron. Auf der Südseite der Burgkirche befindet sich das Grab des Dichters und Lyrikers Rainer Maria Rilke. Auf seinen eigenen Wunsch wurde er dort an diesem Sonnenplatz am 2. Januar 1927 begraben.

Ich stand vor seinem Grab und las:
"Rose, oh reiner Widerspruch, Lust, Niemandes Schlaf zu sein unter soviel Lidern."

"Wie diese Worte wohl zu interpretieren sind?" Ging es mir durch den Kopf. Doch im selben Moment formten meine Lippen mein Lieblingsgedicht von Rilke: "Die Blätter fallen, fallen wie von weit, als welkten in den Himmeln ferne Gärten, sie fallen mit verneinender Gebärde. Und in den Nächten fällt die schwere Erde aus allen Sternen in die Einsamkeit. Wir alle fallen.

Diese Hand da fällt. Und sieh dir andre an: Es ist in allen. Und doch ist einer da, welcher dieses Fallen unendlich sanft in seinen Händen hält." Ja, der Herbst hat begonnen. Der Wind ist frisch geworden, die Blätter färben sich, gelb, orange, rot, braun. Sie färben den Herbst bunt. An sonnigen Tagen haben die Blätter etwas Goldenes an sich. Bald wird die Uhr zurückgestellt, die Tage werden kürzer.

Die Dunkelheit nimmt zu, die Temperaturen sinken. Die Blätter fallen von den Bäumen, die Äste werden kahl. Die Natur bereitet sich auf den Winter vor. Die Bäume lassen die Blätter los. Ich glaube, wir alle wissen, wie sich das Loslassen anfühlt. Schon von klein auf müssen wir loslassen: Sachen, Tätigkeiten, die uns lieb sind, Tiere, Menschen. Dieses Loslassen ist eine Konstante in unserem Leben. Und doch werden wir uns nie ans Loslassen gewöhnen können.

Denn loslassen ist nicht einfach. Und eines ist gewiss: Das Loslassen kommt immer wieder, bei den Bäumen, aber auch bei uns. Die Bäume zeigen mir jedoch die Notwendigkeit des Loslassens. Sie passen sich so den kommenden Veränderungen an. Sie bereiten sich auf die Zukunft vor. Ich liebe den Herbst sehr, aber er stimmt mich auch, seit eh und je, nachdenklich.

Ja, nachdenklich,weil er mir den Spiegel vor Augen hält: Die Blätter fallen… wir können die Zeit nicht anhalten. Wir können die Zeit auch nicht zurückdrehen. Wir werden älter. Der Herbst des Lebens kommt oder er ist bereits da. Rainer Maria Rilke beschreibt dieses Gefühl vom Herbst des Lebens sehr fein: Wir alle fallen. Aber es bleibt nicht dabei.

Es bleibt nicht beim Fallen. Rilkes Gedicht lässt mich nicht innerlich leer, ratlos und ohnmächtig allein zurück. Im Gegenteil, sehr tröstlich ist es für mich, was in Rilkes Aussage mitschwingt: Wir alle fallen nie tiefer als in Gottes Hände. Ein wunderschönes Bild. Dieses Bild soll uns nicht nur in der Herbstzeit begleiten, sondern jeden Tag.

Eine gesegnete Herbstzeit Ihnen!
Mirjam Wagner


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