Für einen Freund gefragt

Farbenspiel (Foto: Canva)
Kirchenjährliches Farbenspiel

«Ihr habt Paramente???» Meine Schwester, frischgebackene Pfarrerin im Thurgau, zieht bewundernd die Augenbrauen hoch. Donnerwetter: Muttenz hat, was nicht alle haben. Wow – Paramente. Preiset den Herrn!
Para… was? Für kirchliche Insider freilich kein grosses Thema, «Paramente». Aber auch diejenigen, die mit der Sprache Kanaans nicht so vertraut sind, sehen sofort, was damit gemeint ist: Der farbige Behang vor dem Abendmahltisch (nein, nicht «Tischdecke», ts ts ts…).
Andere Kirchen haben ein ganzes Set davon: Altar, Lesepult und Kanzel. Und auch Pfarrpersonen, die gerne eine Stola über dem Talar tragen, nehmen dann ebenfalls die passende Farbe. Muttenz bleibt bescheiden – wir begnügen uns mit dem Abendmahltisch. Unsere Kirche ist ja sonst bunt genug.

Immer mal wieder werde ich «für einen Freund» gefragt, was es mit diesem Tischbehängen auf sich hat. Genauer gesagt mit den Farben.
Oh ja, in den christlichen Kirchen hat fast alles eine Bedeutung, sagt man – und dieses Klischee stimmt tatsächlich. Selbst die Schaufel, die ich einmal zur Einführung in einer Gemeinde bekommen habe, hatte irgendeine hochsymbolische Bedeutung. Jedenfalls so symbolisch, dass ich es längst schon wieder vergessen habe… Bei Kirchenfarben passiert mir das zum Glück – nicht.

Jedenfalls ist es kein Zufall, welche Farben wir zu welchem Zeitpunkt des (Kirchen-)Jahres aufhängen (bzw. in Muttenz: auflegen). Die sogenannten «liturgischen» Farben haben im Kirchenjahr ihre jeweilige Zeit und ein Thema, das dazu gehört.

Legen wir also los. Welche Farbe ist wann «dran» – und warum?

Beginnen wir mit – Violett! Warum violett? Violett ist die erste Farbe im Kirchenjahr: Der Advent startet mit violett. Violett ist die Farbe der Buße, der Umkehr. Und weil man die Vorbereitungszeiten auf die grossen Feste immer zur inneren Einkehr und Buße nutzt, wird Violett immer aufgehängt, wenn man sich auf die grossen Feste im Kirchenjahr vorbereitet. Darum hängt Violett im Advent und in der Passionszeit (also an den sieben Sonntagen vor Ostern). Auch am Bettag kann man es aufhängen. Im Violett begegnen sich Gott und Mensch, begegnen sich Himmel und Erde, denn violett ist ja die farblische Mischung aus Blau und Rot (d.h. dem Blau des sichtbaren Himmels und der roten Erde).

Naheliegenderweise kommt dann Weiss. Warum «naheliegenderweise»? Weiss folgt fast immer auf violett. Zunächst: Weiss ist das Symbol des Lichts und des (göttlichen) Himmels. Klingt logisch und ist es auch. Weiss wird immer dann aufgehängt, wenn wir im Kirchenjahr sogenannte «Christusfeste» feiern, also naheliegenderweise Weihnachten und Ostern, auch Auffahrt und Trinitatis. Die (violette) Vorbereitung geht also direkt in das (weisse) Fest über, auf das man sich zuvor vorbereitet hat.

Die nächste Farbe ist Rot. Rot symbolisiert ursprünglich das Feuer des Pfingstfestes. Und es erinnert an das Blut der Märtyrer. Rot wird immer dann verwendet, wenn Kirchenfeste anstehen, wenn wir uns als Gemeinde also sozusagen selber feiern (ja, das muss man manchmal einfach…). Typische Feste für rot sind Pfingsten, Konfirmation, Reformations(sonn)tag, Kirchweih, Gemeindefest oder die Einführung und Verabschiedung von Pfarrpersonen.

Und zum Schluss der vier klassischen Farben fehlt noch das Grün. Grün ist scheinbar die grosse «Resterampe» – und doch so viel mehr! Grün symbolisiert die aufgehende Saat. Im (Glaubens )Leben gibt es eben nicht nur die grossen Feste, die grossen Highlights. Sondern es gibt auch den stinknormalen Alltag – eine Zeit, in der Glaube wachsen kann. Eben wie ein Samenkorn, das Zeit braucht, um grösser zu werden. Im Kirchenjahr weisen wir diese Zeit der Trinitatiszeit zu («Trinitatis» – d.h. «Dreifaltigkeit» – ist der Sonntag nach Pfingsten, bis zum Ende des Kirchenjahrs im November). Grün ist sozusagen der «Werktag» unter den Kirchenfarben, unscheinbar und doch so wichtig. Vor jeder reichen Ernte kommt das Wachstum, das seine Zeit braucht – und die Trinitatiszeit gibt uns dazu «grünes Licht». Gut Ding will schliesslich Weile haben – und diese Weile ist grün!
Mit der Trinitatiszeit ändert sich noch etwas anderes: Zwischen Trinitatis und dem Ende des Kirchenjahrs werden die Sonntage einfach durchnummeriert (1. bis maximal 24. Sonntag nach Trinitatis), während die Sonntage zwischen Advent und Trinitatis meistens eigene Namen haben. Auch andere «Wachstums»-Zeiten tragen grün: die sogenannte «Epiphaniaszeit» (also die Wochen nach dem «Erscheinungsfest» an Epiphanias am 6. Januar, umgangssprachlich «Drei Könige») und die Vorfastenzeit.


Eigentlich gibt es noch eine fünfte liturgische Farbe: Schwarz. Schwarz ist – logisch! – das Symbol für Trauer. In Gemeinden, die ein schwarzes Parament haben, hängt es höchstens zweimal im Kirchenjahr: neben Karfreitag noch am Totensonntag, also dem letzten Sonntag im Kirchenjahr, an dem die Gemeinden an die Verstorbenen erinnern.
(Übrigens: Wird dieser Sonntag nicht als Totensonntag, sondern als Ewigkeitssonntag ohne Totengedenken gefeiert, ist er nicht schwarz, sondern weiss – alles klar, ne…).
Schönheitsfehler: Da Paramente ziemlich teuer sind, verzichten die meisten Gemeinden auf ein schwarzes Parament. So viel Geld für zwei Gottesdienste im Jahr ist einfach unverhältnismässig. Man kann sich nämlich auch anders behelfen und bedient sich einfach an den anderen Farben: Karfreitag in violett (=Passionszeit), Totensonntag in weiss (=Auferstehungshoffnung=Christusfest) oder grün (=letzter Sonntag nach Trinitatis). Nun ja. Dieser Plan B ist ausnahmsweise erlaubt – aber nur bei schwarz…

Wir sehen: So ein Kirchenjahr ist eine ziemlich bunte Sache. Bei unseren katholischen, anglikanischen und lutherischen Geschwistern sogar noch mehr. Dort gibt es auch Mischfarben (zum Beispiel Rosa als Mischung aus Violett und Weiss am 3. Advent und am Sonntag «Lätare»). Und Katholiken kennen noch Blau (für Marienfeste) und Gold (für besonders feierliche Herrenfeste). Und regional kommen weitere Traditionen dazu.

Uff. Ganz schön viel Farbenlehre. Wenn wir jetzt in unsere Kirche gehen und vorne den farbigen Behang am Abendmahltisch erblicken, wissen wir nun, dass uns das einen theologischen Hinweis darauf gibt, wo wir uns im Kirchenjahr thematisch befinden.
Die nächste Ebene wäre, dass ihr uns darauf hinweist, wenn es mal falsch hängt. Wer uns dabei erwischt, dem spendiere ich einen Farbkasten…

…verspricht
Mack Christian-01a (Foto: Fotosmile)



PS: Mit diesem Artikel eröffne ich meine neue Reihe «Für einen Freund gefragt». Immer mal wieder werden Fragen oder Themen an mich oder andere Kirchenmitarbeitende herangetragen, die ich gerne beantworte. Die meisten kennen sich gut aus und fragen deshalb einfach für einen Freund. Diesem Freund soll gerne geholfen werden.
Euer Freund hat noch mehr Fragen? Dann lasst es mich gerne wissen.

Untenstehende finden Sie das Dokument mit den diversen Farben zum Ausdrucken.

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