Editorial Mai 2026

Bild Editorial Mai (Foto: Ruben Albiez)
Seit dem Herbst vergangenen Jahres besuche ich den dreijährigen Theologiekurs beim «Forum für Zeitfragen» im Zwinglihaus Basel. Kürzlich durften wir dort einen zentralen Themenblock abschliessen: Die Kirchen- und Christentumsgeschichte. Wie es im Kurs vorgesehen ist, vertiefen die Teilnehmenden die Inhalte jeweils in Form eines Essays oder eines Referats zu vorgegebenen Themen. Im Rahmen dieses Moduls habe ich gemeinsam mit einem Kurskollegen ein Referat zur Frage erarbeitet: «Was beschäftigt die Kirche(n) heute?»
Vielleicht halten Sie an dieser Stelle selbst einen Moment inne und lassen diese Frage auf sich wirken: Was kommt Ihnen spontan in den Sinn? Rasch wurde uns bewusst, dass diese Fragestellung besondere Herausforderungen birgt. Sie lässt sich nicht einfach aus der Vergangenheit herleiten oder aus Geschichtsbüchern rekonstruieren. Sie fordert eine ehrliche Auseinandersetzung mit der Gegenwart, den Wahrnehmungen, Erfahrungen und Einschätzungen. Aus diesem Grund haben wir im Umfeld der reformierten Kirchgemeinde Muttenz sowie in unserem beruflichen und persönlichen Bekanntenkreis eine kleine Umfrage durchgeführt. Die daraus entstandenen Rückmeldungen haben wir für Sie grafisch aufbereitet (siehe unten).

Und, sind Sie auf ähnliche Themen gekommen?

Gerne komme ich mit Ihnen darüber auch persönlich ins Gespräch. Vielleicht bei einer Tasse Kaffee im Kirchgemeindehaus oder bei einer passenden Gelegenheit. Ich freue mich über den Austausch.

Die Frage «Was beschäftigt die Kirche heute?» beschreibt zunächst einen Ist-Zustand. Fast unweigerlich drängt sich jedoch eine weiterführende Frage auf: «Was sollte die Kirche heute beschäftigen?»

Viele der Befragten haben zusätzlich diese Frage bearbeitet, wenn auch nicht explizit danach gefragt wurde. Sie ladet ein, gemeinsam darüber nachzudenken, was Kirche im Kern ausmacht und wohin sie sich bewegen soll.

In unseren Recherchen und auch auf Empfehlung einer Dozentin sind wir auf ein Buch von Jan Loffeld gestossen, einem römisch-katholischen Priester und Professor für Pastoraltheologie. Das Buch trägt den Titel «Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt». Jan Loffeld beschreibt darin eine Beobachtung, die ebenso nüchtern wie herausfordernd ist: Viele Menschen vermissen Gott nicht und empfinden dennoch keinen Mangel. Sie stehen dem Glauben nicht unbedingt ablehnend gegenüber, doch er ist für ihr Leben schlicht nicht mehr relevant. Der Mensch kommt offenbar gut ohne Gott zurecht, zumindest aus seiner eigenen Perspektive.

Für gläubige Menschen sind das unbequeme, ja schmerzhafte Einsichten. Und doch treffen sie einen Nerv unserer Zeit. Sie spiegeln eine gesellschaftliche Realität wider, in der Gott und Kirche oft an den Rand gerückt sind, nicht aus bewusster Ablehnung, sondern aus stiller Gleichgültigkeit.
Was folgt daraus? Genügen modernere Formen, attraktivere Angebote, mehr Musik, mehr Gemeinschaft, mehr soziales Engagement? All das mag wichtig und wertvoll sein. Doch Jan Loffeld weist auf eine tiefere Dimension hin: Menschen dürfen Gott um seiner selbst willen entdecken, als Gegenüber. Glaube erschöpft sich nicht in Funktion oder Nutzen, sondern wird zur Begegnung, die das Leben in seiner Tiefe berührt und verändert.

Mein persönliches Fazit knüpft genau hier an: Kirche gewinnt ihre eigentliche Gestalt nicht primär durch das, was sie organisiert, sondern durch das, was sie bezeugt und lebt. Dort, wo die rettende Botschaft von Jesus Christus im Zentrum steht und im konkreten Lebensalltag der Menschen einen spürbaren, positiven Unterschied macht, geschieht etwas Entscheidendes: Kirche ist nicht mehr bloss Institution, sondern wird zu dem, was sie ihrem Wesen nach ist, ein lebendiger Organismus, der Leib Christi (1.Korinther 12,27).

In dieser Perspektive liegt eine leise, aber kraftvolle Hoffnung, dass Kirche nicht durch äussere Anpassung an Bedeutung gewinnt, sondern durch innere Klarheit, durch die Ausrichtung auf den, der sie begründet und trägt.

Ruben Albiez-01a (Foto: Fotosmile)