Editorial März

zuhause (Foto: Canva)
Zuhause

Zu-hau-se [Substantiv]: ein Ort wo die Liebe wohnt, wo Erinnerungen und Träume geboren werden; wo getanzt, gelacht und geweint wird; der schönste Ort auf der ganzen Welt. Synonyme: Lieblingsort, Homebase, Heimathafen, funktionierendes Wlan.
Diese humorvolle, in der Manier eines Duden-Eintrags formulierte Definition von Zuhause steht auf einem Schild, das ich an einer Haustüre im Freidorf entdeckt habe. Schon mehrmals bin ich daran vorbeigelaufen und dachte mir: Das ist die perfekte Definition von Kirche! Paulus selbst sagt schliesslich in seinem Brief an die Kirchgemeinde in Ephesus: "Ihr seid Mitglieder von Gottes Hausgemeinschaft". Und er beschreibt diese Hausgemeinschaft als Ort, wo ein "Band der Liebe" uns zusammenhält (Kolosser 3,12-14).

Wo, wenn nicht in der Kirche, werden Erinnerungen gepflegt, Geschichten erzählt und Erfahrungen ausgetauscht? Wo werden mehr Träume geboren, indem wir uns Verheissungen zusprechen lassen, Neuanfänge wagen und an eine gute Zukunft glauben? Wo wird mehr getanzt, gelacht und geweint als in der Kirche – wenn wir Lebensübergänge feiern, Abschied nehmen am Grab oder zusammen singen?

Lieblingsort, Homebase, Heimathafen: das will und soll Kirche sein.

Allerdings erleben wir es nicht immer so kitschig schön und harmonisch, dieses Heimatgefühl. Die Herzlichkeit, Geduld und Versöhnungsbereitschaft, die Paulus als Merkmale von Gottes Hausgemeinschaft aufzählt, treffen wir längst nicht jedes Mal an, wenn wir miteinander Zeit verbringen. Stattdessen begegnet uns auch in der Kirche allzu viel Menschliches. Rechthaberei, Hochnäsigkeit, fehlende Wertschätzung und Bequemlichkeit warten hinter der Tür.

Genau wie zuhause. Denn auf dem schönen Schild an der Türe ist nicht die ganze Wahrheit angebracht. Zuhause ist ein Ort der Liebe, der Träume und Erinnerungen, aber zuhause ist auch der Ort, wo unsere Schwächen am sichtbarsten sind. Wo wir unsere Meinung nicht zurückhalten. Wo wir einander verletzen. In der Öffentlichkeit oder bei der Arbeit können wir uns höflich zurückhalten. Aber dort, wo wir uns sicher und daheim fühlen, sprechen wir frei und zeigen uns so, wie wir sind.

Das ist das Zuhause, das uns Gott anbietet. Nicht eines ohne Konflikte und Verletzungen, wo vollkommene Harmonie herrscht. Aber eines, in dem wir unseren sicheren Platz haben und sagen dürfen, was wir denken und fühlen. Genauso wie die anderen, die zur Familie gehören. Es ist ein Zuhause, in dem es Raum gibt für Unbequemes und Unschönes. Aber auch für gemeinsame Aufräumaktionen, für Versöhnung und Kompromisse. Ein Ort, an den wir zurückkehren können, auch wenn wir lange unterwegs waren und zwischendurch dachten, wir bräuchten ihn nicht. Er ist wichtig. Auch ohne funktionierendes W-Lan.


Stoecklin Sara-01a (Foto: Fotosmile)