ZEIT – LOS – LASSEN

Bei Gott geht es nicht um meine Leistung. Diese Gewissheit ist für mich immer wieder Wohltat und Hilfe.
Hier sehen Sie ein Bild, welches ich letztes Jahr auf dem Friedhof Hörnli gemacht habe. Dort fand eine Ausstellung des Berner Künstlers Matthias Zurbrügg zum Thema „ZEIT-LOSLASSEN“ statt. Es waren 26 Wortbilder zu sehen, mit bis zu 4 Meter grossen Holzbuchstaben. Diese waren auf dem gesamten Friedhofsgelände verteilt. Mich hat der Rundgang sehr bewegt und ins Nachdenken gebracht.

Das Wortspiel Zeit-Los-Lassen hat mich angesprochen. Im Leben bin ich, sind wir, immer wieder herausgefordert loszulassen. Sei das beim los lassen von Träumen, von gewohnten Lebensumständen, von abnehmender Vitalität, von geliebten Menschen, von Freundschaften, von eigenen Lebensentwürfen u.v.m..

Nur wenn ich loslassen kann, werde ich fähig, Neues zu empfangen. Doch das ist manchmal unheimlich schwer. Ich muss mir immer wieder eingestehen, dass Manches vorbei ist und nicht wiederholt werden kann. Vieles in meinem Leben kann ich nicht mehr rückgängig machen. Ich bin gefordert, mich mit mir auszusöhnen und meine eigene Geschichte, mich selbst, anzunehmen. Ich kann meine Vergangenheit nicht ändern, nur meine Einstellung und
meinen Umgang damit. Ich sollte mich nicht selbst beschuldigen. Stattdessen darf ich mein Leben Gott hinhalten. Ich darf ihn bitten, dass er mir vergibt und dass ich so, auch mir selbst vergeben kann. Das ist nicht einfach. Das fordert mich täglich heraus. Ich habe vor einigen Tagen folgenden Buchtitel gelesen: „Altwerden ist nichts für Feiglinge“. Wie wahr! Wenn ich Menschen in meinem Umfeld und mich selbst beobachte, kann ich diese Aussage bestätigen. Stelle ich mich dem Altwerden oder versuche ich es möglichst zu verdrängen? Stelle ich mich den Herausforderungen und Fragen die sich mit dem älter werden ergeben? Wie wird es mir in Zukunft gehen? Eine Frage die mich immer wieder umtreibt. Ich erlebe viele Senioren und Seniorinnen die das Alt sein als Last empfinden. Und offen gestanden, wenn ich so manche Lebensgeschichten höre, denke ich oft für mich: Ja! Altwerden ist wirklich nicht einfach. Mein „Grosi“ sagte oft: „Weisch es isch ebe alles abgnutzt! Früehner bini jung und knackig gsi, und hüt nume na knacksig!“ Das sagte sie oft sehr humorvoll. Aber in ihren Augen und an ihrer Körperhaltung sah ich, dass das „knacksig sii“ sehr herausfordernd für sie war. Das Laufen am Rollator, oder den stützenden Arm eines helfenden Menschen zum einhängen, diese und andere Abhängigkeiten, beklagen manche ältere Menschen. Die schwindende Vitalität, jeden Tag ein wenig mehr loslassen. Was bin ich überhaupt noch wert? Ich leiste ja nichts mehr! Meine Frage an Sie: Was hilft Ihnen? Was schenkt Ihnen Trost in solchen herausfordernden Zeiten? Für mich sind die Psalmen in der Bibel immer wieder wichtige Begleiter.

Denn ich denke, dass die Lebenserfahrungen der Menschen zur damaligen Zeit, als sie diese Psalmen geschrieben haben, heute noch genauso relevant sein können. Sie passen auch heute noch in unsere Lebenssituationen. Da geht es um Liebe, Verantwortung, Fürsorge, Konfliktlösung, Zweifel, Angst, Krankheit und Tod, Hoffnung und Vertrauen.

Davon erzählen die Psalmen. Ich finde manchmal Trost im Psalm 71. Denn der Psalmbeter hatte ähnliche Ängste und Sorgen. Er fürchtet sich vor dem Alter und bittet Gott um Hilfe. „Verwirf mich nicht in meinem Alter, verlass mich nicht, wenn ich schwach werde. Du lassest mich erfahren viel Angst und Not und machst mich wieder lebendig und holst mich wieder herauf aus den Tiefen der Erde.“ (Vers 9 und 20) Ich wünsche Ihnen, dass Sie immer wieder Trost finden dürfen bei unserem Schöpfer. Er weiss um alles. Und sein Wunsch an uns ist es, dass wir zu ihm kommen und unsere Lebenssituation mit ihm teilen. Er will uns beistehen und uns begleiten! Bei ihm sind wir immer gleich viel wert!

Bei Gott geht es nicht um meine Leistung. Diese Gewissheit ist für mich immer wieder Wohltat und Hilfe. Jeden Tag sind wir gefordert loszulassen. Ich wünsch Ihnen trotz allem und in allem immer wieder helle Stunden, und den Mut Dinge und Zeit – Los – zu lassen!

Cornelia Fischer

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